Im ersten Beitrag unserer Serie haben wir gezeigt, dass die Mietwohnungsknappheit in der Schweiz vor allem in rund sieben Ballungszentren existiert – und wer davon profitiert und wer darunter leidet. Doch wie entsteht Wohnungsnot überhaupt? Unser Institutsleiter Prof. Dr. Peter Ilg erklärt anhand eines einfachen Marktmodells, warum Angebot und Nachfrage aus dem Gleichgewicht geraten können.
Die Nachfrageseite: Günstiger = mehr Fläche
Das Prinzip ist einfach: Je günstiger der Wohnraum, desto mehr Fläche kann sich ein Haushalt leisten. Ein konkretes Beispiel: Wer ein Mietbudget von 2’000 Franken pro Monat hat und der Quadratmeter 600 Franken pro Jahr kostet, kann sich rund 40 m² leisten – eine kleine Wohnung. Kostet der Quadratmeter nur 300 Franken, verdoppelt sich die leistbare Fläche auf 80 m² – also eine 3- bis 4-Zimmer-Wohnung. Die Nachfrage nach Wohnfläche steigt also, wenn die Mieten sinken.
Die Angebotsseite: Teurer = mehr Bautätigkeit
Auf der Angebotsseite verhält es sich genau umgekehrt: Je höher die erzielbaren Mieten, desto attraktiver ist es für Investoren, Wohnraum zu bauen oder bestehende Gebäude aufzustocken. Bekommt ein Investor 600 Franken pro Quadratmeter, lohnt sich der Ausbau. Bei nur 300 Franken pro Quadratmeter wird er möglicherweise gar nicht bauen – oder die Fläche anders nutzen, etwa als Gewerberaum, der mehr Ertrag bringt.
Das Marktgleichgewicht
In einem funktionierenden Markt pendeln sich Angebot und Nachfrage automatisch auf einem bestimmten Preisniveau und einer bestimmten Menge ein – genau wie in der Gastronomie oder bei Ferienflügen. Es herrscht weder ein Wohnungsüberschuss noch Wohnungsnot.
Was passiert bei einem Mietzinsdeckel?
Wird nun ein Mietzinsdeckel unterhalb des Marktpreises festgelegt, gerät das System aus dem Gleichgewicht. Zwei Effekte treten gleichzeitig ein:
- Nachfrage steigt: Zu den künstlich tiefen Mieten wird mehr Fläche pro Kopf nachgefragt, weil sich jeder Haushalt plötzlich eine grössere Wohnung leisten kann.
- Angebot sinkt: Zu den gedeckelten Mieten lohnt es sich für Investoren nicht mehr, neuen Wohnraum zu schaffen oder bestehenden zu erhalten.
Das Ergebnis: Die Nachfrage übersteigt das Angebot deutlich – es entsteht Wohnungsnot. Genau diesen Mechanismus beobachten wir in den betroffenen Schweizer Städten.
Fazit
Wohnungsnot ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis eines Ungleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage. Mietzinsdeckel können dieses Ungleichgewicht verstärken statt lösen. Welche Alternativen es gibt, beleuchten wir im nächsten Beitrag.
Hier zum Videobeitrag: https://youtube.com/shorts/rfmxGpTlZ7s?feature=share


